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Indien: Zwischen Widersprüchen, Globalisierung und bedrohtem Journalismus

11.11.2015

P J George ist Assistant Editor bei der renommierten indischen Zeitung „The Hindu“ und spricht im IMC-Interview über das journalistische Selbstverständnis in Indien und den digitalen Wandel in den Redaktionen seines Heimatlands.


Haben Sie einen Leitsatz, der für Sie als Journalist von besonderer Bedeutung ist?

Du musst den Menschen nicht nur das erzählen, was sie wissen wollen, sondern auch das, was sie wissen müssen.

 

Was sollten die Menschen über Journalismus in Indien wissen?

Indien ist ein Land der Widersprüche. Jede Verallgemeinerung, die du über dieses Land machst, kann ebenso wahr sein, wie ihr komplettes Gegenteil. Eine Nation, die zu 80 Prozent dem Hinduismus folgt, hat die zweitgrößte muslimische Bevölkerung in der Welt und daneben Bundesstaaten, in denen zu nahezu 100 Prozent Christen leben. Es ist unvermeidlich, dass diese Widersprüche Reibungen erzeugen. Diese Reibungen sorgten im Laufe der Geschichte für das Aufflammen von Unruhen, die die Städte und Gemeinden Indiens verbrannten. Als Journalist in Indien glaube ich, dass es mein Job und meine Verantwortung ist, diese paradoxen Situationen so wahrheitsgetreu wie möglich aufzuzeigen. Ständig gibt es durch unterschiedliche Gesellschaftsgruppen Versuche, ihre Seite der paradoxen Situation dominant zu erzählen und darzustellen. Deshalb ist es ist die Aufgabe der Medien, diese ständigen Versuche anzufechten und zu relativieren. Nach der wirtschaftlichen Liberalisierung 1992 wurden diese Paradoxien zusätzlich geschärft. Inzwischen haben wir einen enorm großen Raum zwischen wahnsinnigem Reichtum und elendiger Armut. Es gibt viele, die sagen, dass Indien inzwischen eine Wirtschaftsmacht ist, also warum sollten wir die Armut besonders hervorheben oder über gesellschaftliche Spannungen sprechen? Reden wir also besser darüber, dass unser Bruttoinlandsprodukt wächst und über unsere Macht in der Welt. Erneut fällt es den Medien zu, den Menschen klarzumachen, dass die indische Geschichte nur dann komplett ist, wenn auch die ärmsten Bevölkerungsschichten mitgenommen werden.


Anhand zahlreicher Headlines indischer Zeitungen wird deutlich, dass der Journalismus sich kritisch mit der Entwicklung des Landes auseinandersetzt. Gibt es Momente, in denen Sie Angst haben, Ihre Meinung frei zu äußern?

Das Privileg, bei einem renommierten und etablierten Medienhaus beschäftigt zu sein, führt dazu, dass ich meine Meinung nicht beschränken muss. Es gibt keinen institutionalisierten Zensurmechanismen in der Regierung. Es gibt lediglich noch ein archaisches Volksverhetzungsgesetz aus der Kolonialzeit, das die Regierung manchmal zu Einschüchterungszwecken nutzt, um gegen eine lautstark geäußerte Kritik vorzugehen. Allerdings mussten viele Journalisten, deren Recherchen drohten, mächtige Interessengruppen bloßzustellen, einen hohen Preis dafür zahlen.


Weltweit wird eine von fünf Zeitschriften in Indien gedruckt. Die Zeitungsauflage und Zeitungsreichweite ist beeindruckend hoch und die Zahlen scheinen stabil. Glauben Sie, dass die indische Zeitungsindustrie dem globalen Zeitungssterben entkommen kann? Bereitet sich die Medienindustrie auf die Marktveränderung vor? Welche Rolle spielen die sozialen Medien in diesem Kontext?

Wir sind immer noch einige Jahre von dem Szenario, welches sich in der Welt abspielt, entfernt. Wir haben den Vorteil, dass wir aus Experimenten, die derzeit durchgeführt werden, lernen können. Ja, die meisten der etablierten Medienhäuser erweitern ihre Onlinefähigkeiten, sind auf dem Weg zu integrierten Newsrooms und übernehmen die aktuellsten Technologien. Die Einnahmen durch klassische Werbung sind aber noch immer wesentlich höher, als durch Onlinewerbung, aber das hält die Medien nicht davon ab, in den Online-Bereich zu investieren. Natürlich wird es immer Gewinner und Verlierer geben. Online müssen die Zeitungen nicht ausschließlich mit anderen Zeitungen konkurrieren, sondern ebenso mit TV-Sendern. Darüber hinaus haben wir heute auch ausschließlich online veröffentlichte Nachrichten- und Meinungsseiten.


Sie haben 2015 als Stipendiat an dem Programm „Medienbotschafter Indien – Deutschland“ teilgenommen. Was war für Sie das Interessanteste in Deutschland im Vergleich zu Indien?

Die interessanteste Sache war zu erkennen, wie wenig wir eigentlich darüber wissen, wie journalistische Erzählbeiträge auf den unterschiedlichsten Plattformen gemacht werden.



 


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