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Wie aus persönlichen Erlebnissen Geschichten werden

04.11.2015

Von

Guido Kowalski leitet das Webmastering im deutschen Grimme-Institut. Er arbeitet als Storytelling-Trainer in verschiedenen nationalen und europäischen Projekten, in denen er Trainern und Journalisten die Methode des Geschichtenerzählens und die technischen Aspekte näher bringt. Er zeigt, wie Elemente der verschiedenen Medien zu einem einzelnen "Geschichts -Universum" miteinander verbunden werden können. Dadurch werden Möglichkeiten interaktiver Mediennutzung ermöglicht, welche neue Wege für die Hersteller und Empfänger eröffnen.
Was ist „Digital Storytelling", und woraus ist es entstanden?

Ursprünglich begann Digital Storytelling als eine Art persönliche Multimedia-Kurzgeschichte. Die Verbindung einer persönlichen Geschichte mit digitalen Inhalten (in erster Linie Fotos) stand dabei im Vordergrund. Eine der ersten Geschichten, "Home Movies", wurde von Dana Atchley, einem der Pioniere des Digital Storytelling, produziert und vermittelt einen guten Eindruck der Anfänge.

https://www.youtube.com/watch?v=bKuGpBaWqQk

Digital Storytelling gab und gibt Menschen, die sich bisher eher weniger mit beispielsweise Audio- oder Videoediting auseinandergesetzt haben, die Möglichkeit, ihre persönliche Geschichte auf diese Weise zu produzieren und zu vermitteln. Dabei kann die Motivation sein, dass man seine Story für andere aufbereiten oder diese lediglich zur Selbstreflexion oder Verarbeitung nutzen möchte. Durch Digital Storytelling werden sehr häufig sehr persönliche Themen aufgearbeitet und publiziert. Dieser persönliche Ansatz und die damit verbundene Erzählweise machen Digital Stories sehr authentisch, und so stellte sich schnell heraus, dass sich mit Hilfe dieser Geschichten komplexe Themen auf verständliche Aussagen reduzieren lassen, welche den Zuschauer besonders leicht erreichen und die Inhalte einfach transportieren. Zusätzlich vermittelt die Erstellung der Stories in entsprechenden Workshops ein grundlegendes Medientraining.

Zu den ersten Digital Storytellern zählten Dana Atchley und Joe Lambert, die zu Beginn der 1990er Jahre erste Beispiele herstellten und in San Francisco auch die klassischen Produktionsworkshops abhielten. Mit Ken Burns nutzte ebenfalls ein Dokumentarfilmer sehr früh die Technik des Digital Storytelling in seinem Film "The Civil War", wodurch er auch der Namensgeber für den von ihm genutzten Effekt des Hineinzoomens in Fotos wurde. Dieser Effekt gehört noch heute zu den Standardanwendungen des Digital Storytelling. Im weiteren Verlauf griff der britische Fotograf Daniel Meadows die Technik auf und brachte auf diesem Wege Digital Storytelling nach Europa und speziell zur BBC, die verschiedene Projekte daraus entwickelte, so z.B. "Capture Wales".

Beispielfilme finden Sie hier:
Daniel Meadows, Polyfoto:
https://vimeo.com/113843220
Daniel Meadows Channel on Vimeo:
https://vimeo.com/user15481435/videos
Ken Burns on Story:
https://www.youtube.com/watch?v=H37yNkrw3_4

Heute wird Digital Storytelling in unterschiedlichster Form in vielen verschiedenen Bereichen sowohl von Profis als auch von Einsteigern genutzt. Dabei erstreckt sich der Einsatz von individuellen Erzählungen und beruflicher Selbstdarstellung über die Werbung und gesellschaftliche Anliegen bis hin zum journalistischen Arbeiten. Die anfangs recht starren Regeln des Storytelling wurden dabei immer wieder angepasst, so dass ein sehr universelles Instrument entstanden ist. Aus dem ursprünglichen Digital Storytelling sind so viele weitere Unterformate wie z.B. Transmedia Storytelling, Digital Curricular Story oder auch Scrollytelling entstanden.

http://yemenstory.digitalstorytelling.info/

https://vimeo.com/100431611

Das Prinzip und Tools zum Digital Storytelling in einer Broschüre zusammengefasst:
http://www.grimme-institut.de/imblickpunkt/pdf/IB-Digital-Storytelling.pdf


Was bedeutet „Digital Storytelling"  für die Zukunft des Journalismus? Wie wird es sich  entwickeln?

Bereits heute werden Digital Storytelling und Unterformate im journalistischen Bereich vermehrt eingesetzt. Die teils persönliche Herangehensweise an eine Geschichte schafft hier viele neue Nutzungsformen, ohne jedoch den journalistischen Anspruch zu verwässern. So ist es wichtig, dass Digital Storytelling zwar häufig persönlich im Ansatz ist, aber nie Inhalte verfälschend eingesetzt werden. Die Kombination unterschiedlichster Medien hilft Journalisten dabei, ihre Zuschauer-, Zuhörer- oder Leserschaft auf neuen Wegen zu erreichen und eine Erzähltiefe zu schaffen, die durch einzelne, klassische Medien bisher nicht gegeben war. Die Möglichkeit, digitale Geschichten auch einmal schnell und einfach vor Ort zu produzieren und entsprechend zeitnah zu publizieren, hilft zudem in Situationen, die eine umfassende Reportage nicht ohne weiteres ermöglichen, wie z.B. in Krisenregionen. Dem Journalisten wird somit ein Tool an die Hand gegeben, welches sowohl von einer Person oder einem kleinen Team, aber auch von einer großen Redaktion verwendet werden kann.

Etliche Beispiele beweisen, dass Digital Storytelling längst in der journalistischen Arbeit angekommen ist:

http://www.nytimes.com/projects/2012/snow-fall/#/?part=tunnel-creek

http://www.theguardian.com/world/interactive/2013/may/26/firestorm-bushfire-dunalley-holmes-family

http://reportage.wdr.de/loveparade

http://reportage.welt.de/mont-blanc

Auch die Tatsache, dass wir Digital Storytelling bei der Ausbildung junger Journalisten der Deutschen Welle einsetzen, spricht für den nachhaltigen Nutzen in der journalistischen Arbeit.


Gibt es ein Zitat, welches Sie im Rahmen des „Digital Storytellings" gerne weitergeben? Wenn ja, welches und warum?

Ja, da gibt es tatsächlich jedoch mehrere, die, so glaube ich, für sich allein sprechen.

"There are more truths in 24 hours of a person's life than in all philosophies."
(Raoul Vaneigem, Belgischer Autor und Philosoph)

Geht es darum, Ereignisse objektiv, also nur anhand von Fakten darzustellen? Wie wichtig ist die subjektive Meinung des Fotografen? Wie weit darf sich der Fotograf selbst in die Geschichte, die er fotografiert, einbringen? War man früher noch davon überzeugt, eine Fotoreportage solle nichts anderes zeigen als Fakten, praktisch nur eine Dokumentation – also eine strenge bildliche Wiedergabe des Geschehenen – sein, so sind heute viele Reportagefotografen der Meinung, dass die Person, die erzählt bzw. fotografiert, genauso wichtig ist, wie die Geschichte die fotografiert wird. Reportagefotografen erzählen Geschichten."
(Martin Rohrmann http://www.martinrohrmann.de/MARTIN_ROHRMANN_._DIE_FOTOREPORTAGE.html)

"Tell me and I forget, teach me and I may remember, involve me and I learn."
(Benjamin Franklin)

 

 

 

 

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