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Pegidas ‚Lügenpresse’ – wissenschaftlich ‚fundiert’

19.11.2015

Von Prof. Dr. Siegfried Weischenberg

Ein Essay über den Zustand der deutschen Medien- und Journalismuskritik

Die Kritik an Medien und Journalismus – seit Gustav Freytags („Die Journalisten“, 1853) Prototyp ein Dauerbrenner in Deutschland – kommt neuerdings in zwei modernen Varianten daher: als pauschale Verdammung durch ‚normale’ Bürger und als sensible Selbstbezichtigung durch bekümmerte Journalisten. Die erste Form (‚Lügenpresse’) wird inzwischen ‚geadelt’: durch einen überdrehten Bestseller (Udo Ulfkotte: „Gekaufte Journalisten“) und durch eine Analyse im wissenschaftlichen Gewande (Thomas Meyer: „Die Unbelangbaren“); die zweite Form wird z. B. von der Wochenzeitung „Die Zeit“ gepflegt. Gegen beide Formen haben sich einflussreiche Journalisten wie Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) und Klaus Brinkbäumer (Der Spiegel) engagiert zur Wehr gesetzt – und das mit einleuchtenden Argumenten. Brinkbäumer wehrt sich vor allem gegen weichgespülte Beschreibungen, welche die Kritik- und Kontrollfunktion des Journalismus aushebeln. Prantl wirft dem Buch von Meyer – Politikwissenschaftler und SPD-Funktionsträger – vor, dass er die sozialdemokratische Variante einer Medienkritik präsentiert, welche die Leistungen des Journalismus mit dem blinden Fleck der parteipolitischen Voreingenommenheit beobachtet. Das hatten wir schon mal in den 1970er Jahren; damals fühlte sich die CDU vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk schikaniert.

Das Suhrkamp-Bändchen ist jedoch vor allem deshalb zu kritisieren, weil es den (politischen) Journalisten in pauschaler Form vorwirft, dass sie ihre angeblich monopolartige Deutungsmacht missbrauchten, in der Berichterstattung chronisch die Wirklichkeit verzerrten und deshalb an die Kandare genommen werden müssten. Dies stellt sozusagen die ‚wissenschaftliche Variante’ der Medien-Hatz à la ‚Pegida’ dar, wobei keine der (politik- und kommunikationswissenschaftlichen) Thesen des Autors einer Überprüfung standhält. Geradezu desaströs falsch sind zudem seine Rekurse auf Systemtheorie und Konstruktivismus, Nachrichten- und Gatekeeperforschung, verkürzt und z. T. schief seine Behauptungen zur Kommunikations-Revolution durch das Internet und ihre Folgen für das einstige Vermittlungsmonopol der etablierten Medien.

Fazit: Das Bild, das Meyer zeichnet, ist eine Karikatur der Verhältnisse. Seine Journalismuskritik deckt sich freilich mit vielen wütenden Kommentaren zur ‚performance’ der Medien, die wir jeden Tag in den Netz-Foren finden. Die Studie ist das Gegenteil von dem, was Max Weber vor mehr als 100 Jahren gefordert hat: Medien und Journalismus empirisch zu untersuchen – ehe man Urteile über ihre Macht, ihren Einfluss, ihre Wirkungen abgibt. Medienkritik, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen will, eignet sich nicht für überzogene Werturteile und normative Rundumschläge auf dünner empirischer Basis.

 

Der komplette Essay von Siegfried Weischenberg („Sollten Journalisten ‚belangbar’ sein? Anmerkungen zum Zustand der Medien- und Journalismuskritik – aus Anlass der Generalabrechnung eines Politikwissenschaftlers“) findet sich im Online-Rezensionsforum „rezensionen:kommunikation:medien“ (r:k:m).

 

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