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Nach 9 Jahren Medienbotschafter China – Deutschland ziehen Alumni Bilanz

12.12.2016

Nach neun erfolgreichen Jahren wird das Journalistenaustauschprogramm „Medienbotschafter China - Deutschland“ eingestellt. Zum Abschluss trafen sich in Hamburg Stipendiaten aus allen Jahrgängen, Programmverantwortliche der Robert Bosch Stiftung und des International Media Center an der HAW Hamburg sowie Multiplikatoren und Partner der deutsch-chinesischen Völkerverständigung.

„Wir werden auch in Zukunft unseren Teil dazu beitragen, dass deutsche und chinesische Journalisten in einen Austausch gebracht werden“, mit diesen Worten leitete Christian Hänel, Bereichsleiter „Völkerverständigung Amerika und Asien“ der Robert Bosch Stiftung, den Abend ein. Damit setzte er gleich zu Beginn ein Zeichen: Auch wenn „Medienbotschafter China – Deutschland“ nach neun Jahren in seiner jetzigen Form eingestellt wird, wird der Austausch von Medienschaffenden weitergehen.

 

Dabei lässt sich die Bilanz des Programms gut sehen, so Hänel: mehr als 130 Journalisten aus China und Deutschland haben in den letzten neun Jahren am Medienbotschafterprogramm teilgenommen, etliche wurden später Auslandskorrespondenten oder haben heute andere, gute Positionen inne. Das Programm spiegele aber auch die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in beiden Ländern wider, so Hänel. Flüchtlingskrise, Umweltverschmutzung bis hin zur Krise der traditionellen Medien. All die großen Themen hätten sich in den Beiträgen und im Programm der Teilnehmer widergespiegelt. Schon deshalb müsse das Programm weitergeführt werden.

 

Besonderer Dank gilt dabei Professor Steffen Burkhardt von dem International Media Center Hamburg, der durch sein visionäres Engagement und in guter Zusammenarbeit das Programm nachhaltig mitgestaltete und prägte. Über die Jahre wuchs es und manche Inhalte wurden erst mit der Zeit so richtig möglich.

Steffen Burkhardt wiederum bedankte sich bei Lillian Zhang und Haifen Nan, den beiden Programmleiterinnen. Sie setzten das Programm um, begleiteten die Stipendiaten in den jeweiligen Ländern, suchten Hospitationsplätze und standen als Ansprechpartner jederzeit zur Verfügung. „Wir feiern nicht nur das Programm, sondern auch die deutsch-chinesische Freundschaft“, so Burkhardt.  Heute gibt es mit dem „Deutsch-Chinesischen Mediennetzwerk“ einen Alumniverein mit über 60 Mitgliedern. „Je mehr wir von China erfahren, desto weniger verstehen wir es“, so Haifen Nan, selbst ihr als Chinesin ginge es so. Deshalb sei der Austausch so wichtig.

 

 

ERFAHRUNGEN IN CHINA

 

Aus China zu berichten, sei nicht immer einfach, meint Rob Schmitz, Shanghai-Korrespondent des amerikanischen Senders National Public Radio und Keynote Speaker der Veranstaltung. Als Korrespondent habe er viele Freiheiten, doch manchmal nervten die Heimatredaktion mit ihren Sonderwünschen. So beispielsweise im Frühjahr 2011, als in Tunesien gerade der arabische Frühling zugange war und in China die Wirtschaft boomte. Schmitz bekam einen Anruf seines damaligen Arbeitgebers. Die verantwortlichen Redakteure wollten unbedingt einen Beitrag über angebliche Aufstände in China und die große Panik vor Protesten haben. „Wir haben es in der New York Times gelesen“, lautete die Begründung. Tage später traf Schmitz die Kollegin: „Mein Redakteur wollte unbedingt, dass ich die Geschichte schreibe, weil er sie in Reuters gelesen hat.“ Journalistenalltag in China.

 

Wie kann man erzählen, welche rasanten Veränderungen in China vor sich gehen? Lange hat Schmitz nachgedacht, bis er die Idee zu seinem Buch „Street of Eternal Happiness“ hatte. Darin porträtiert Schmitz Menschen, die wie er in Shanghai in der Chang Le Road leben. Die „Straße des ewigen Glücks“ führt mitten durch die ehemalige französische Konzession, in der heute erneut viele Ausländer leben. Den Menschen, denen Schmitz hier begegnet ist, stehen stellvertretend für die Möglichkeiten und Veränderungen, vor denen viele Chinesen stehen. Ein Akkordeonmacher, der zugleich Sandwiches verkauft. „Solche Leute gibt es nur in Shanghai“, oder eine Frau, deren einziges Hab und Gut lange ein Sarg war, weil ihre Eltern nicht glaubten, dass ihre krebskranke Tochter jemals erwachsen werden würde. Doch sie schafft es, findet unter schwierigen Umständen einen Mann, gründet eine Familie. Heute verkauft sie Blumen, in der Hoffnung, damit ihrem Sohn zu helfen, eine Frau zu finden. „Die Geschichten, die die Menschen erzählen, sind unglaublich, aber wert, erzählt zu werden“, so Schmitz.

 

 

DIE ZUKUNFT des Deutsch-Chinesischen Medienaustauschs

 

„Was hat der deutsch-chinesische Journalistenaustausch gebracht?“ fragt Ariane Reimers, ehemalige Pekinger ARD-Fernsehkorrespondentin, in der anschließenden Podiumsdiskussion. Mit dabei die Neon-Chefredakteurin Ruth Fend und taz-Chinakorrespondent Felix Lee. Beide waren 2010 als Medienbotschafter im Reich der Mitte, sowie die beiden chinesischen Journalisten Yang Xiao und Wang Yan. Yang Xiao arbeitet heute als freier Journalist, 2012 war er in Deutschland. Das Programm habe ihm die Möglichkeit gegeben, die eigene Arbeit zu reflektieren. Sie habe viele falsche Vorstellungen von und über Deutschland gehabt, meint Wang Yan. Das Programm habe es ihr ermöglicht, diese zu hinterfragen. Über ihre Erlebnisse schrieb die 27jährige bei „Spiegel Online“.  Niemand würde in Deutschland verstehen, warum sie gerne einen Mittagschlaf hält. Dafür wäre sie sehr erstaunt gewesen, wie viele Journalisten über 40 es in deutschen Redaktion gibt. „In China sind die meisten Journalisten zwischen 20 und 30 Jahre alt“. Yang Xiao stimmt ihr zu und glaubt, viele gehen aus dem Job, weil man über 40 nicht mehr Geld verdient als jüngere Kollegen, aber dieselbe Leistung bringen muss.

 

Vor allem die Redaktionskultur, der Umgang mit sozialen Medien und Informationsquellen und das Verständnis von Pressefreiheit seien in beiden Ländern sehr unterschiedlich, so die einhellige Meinung. „Wir waren in den Redaktionskonferenzen nicht erwünscht“, erinnert sich Ruth Fend an ihre Zeit in China. „Als ich in der Redaktion ankam, waren alle weg“, erinnert sich Felix Lee. Die Kollegen seien recherchieren, wurde ihm gesagt. „In Deutschland sei man gewohnt, dass die meisten zur Arbeit in die Redaktion kommen.“ Besonders beeindruckt habe ihn, als Kollegen ihn zu Recherchen mitnahmen, bemerkt Lee. In China musst du alles selbst recherchieren, sei ihm damals gesagt worden. „Kritische Journalisten tun es, weil sie anderen Quellen nicht glauben.“

 

Auch das Internet und die sozialen Medien haben China sehr verändert. Als er 2011 als Korrespondent nach China kam, dachte er mit dem Mikroblogdienst Weibo komme die Pressefreiheit, meint Lee. Inzwischen sei er überrascht, dass immer mehr Menschen Gerüchten scheinbar mehr vertrauten als Tatsachen. „Das hätte ich nie für möglich gehalten“, so Lee. Deutschland sei da keine Ausnahme. Dass es vor allem in den sozialen Medien nur noch um Klickzahlen und Unterhaltungswert ginge, mache es schwierig, gut recherchierte Geschichten zu platzieren, so Yang.

 

Als Lee und Fend 2010 nach China kam, sei das Land „the place to be“ gewesen. Heute wollten nicht mehr so viele Leute nach China, so Lee. Das Interesse an Themen sei noch groß, aber viel zu wenig Wissen vorhanden, so Lee. Er werde immer wieder gebeten, doch bitte nicht mehr als zwei chinesische Namen pro Artikel zu verwenden. „Themen aus oder über China müssen zur Ausrichtung des jeweiligen Mediums passen“, meint Neon-Chefredakteurin Ruth Fend. Nach wie vor ließen sich eben die „das höchste, der schnellste, der beste...-Geschichten“ am besten verkaufen.

 

Reichen drei Monate im jeweils anderen Land aus, um ein qualifizierter Medienbotschafter zu sein, fragt Ariane Reimers abschließend in die Runde. „Jeder ist qualifiziert, solange man sich im Partnerland einfügen und es verstehen möchte“, so das Resümee. Nur die Sprache, meint Wang Yan, die sei da manchmal ein Problem.

 

(Iris Voellnagel)
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